TÜRKÇE / DEUTSCH

Şimşek: Es gibt unzählige Sprachen die vom Aussterben bedroht sind!
“Jeder dessen/deren Muttersprache verboten ist, sollte sich gegen diese Verbote einsetzen und sich für die Entfaltung dieser Sprache engagieren. Für die Freiheit der verbotenen Sprachen muss in allen Belangen des Lebens gekämpft werden. Es gibt unzählige Sprachen die vom Aussterben bedroht sind. Alle diese Sprachen erwarten von ihren Kindern, die im Exil der anderen Sprachen leben, gute Nachrichten.’’

İLKAY AÇIKGÖZ

In unserer ersten Sendung besuchen wir den seit langem in Wien lebenden Schriftsteller und Journalisten Hüseyin Şimşek. Das Porträt über den in Wien lebenden Autor aus der Turkei Herkunft schildert einfühlsam dessen Werdegang. Besonderes Augenmerk wird auf die Verwendung von (Mutter-) Sprache als Identitätsmerkmal gelegt. Die Bedingungen, unter denen es für ihn möglich war, Arbeit zu finden, werden beleuchtet. Mit Kirmancki (Zazakisch) als Muttersprache sah sich der Alewit Hüseyin Simsek schon im Internat gezwungen, die türkische Sprache zu erlernen. Als er begann, sich politisch zu engagieren und Missstände in seinem Land aufzuzeigen, musste er nach einer längeren Haftstrafe nach Österreich fliehen, wo er schließlich seine neue Heimat gefunden hat.


İlkay Açıkgöz: Wann und wo geboren Sie?

Hüseyin Şimşek: Ich bin in den 1962 Jahren, in Yavanenci in der Türkei geboren. Unsere Familie ist Anfang der 50er nach Yavanenci gekommen. Davor haben sie im benachbarten Dorf Pelegöz gelebt. Pelegöz ist einer der größten Dörfer von Tercan. Wo vier großen Familien vom Clan Lolan lebten. Diesen Familien sind im Jahre 1700 aus Dersim (Nazmiye) nach Pelegöz gekommen.

İlkay Açıkgöz: Wo wurde Ihre Identität geprägt?

Hüseyin Şimşek: Es ist sicherlich vom Kind zu Kind verschieden. Ich wuchs bei meiner Großmutter auf. Als ich klein war, musste meine Großmutter nicht mehr im Haushalt tätig sein, weil die Schweigertochter diese Arbeiten erledigten. Sie konnte dadurch viel Zeit mit mir verbringen. Alle Fragen, die mich interessierten stellte ich ihr. Meine Großmutter erzählte mir von den Dörfern. Sie erzählte mir von den Menschen, denen wir auf der Strasse auf den Feldern begegneten. In ihren Erzählungen  unterschied sie: “Die sind von uns, jene nicht.“ Diese Unterscheidungen gingen von bestimmten Identitäten aus. Über die Menschen in Küllüce  und Komsor (Nachbar Dörfer) sagte sie, sie seien nicht von uns, sie gehören dem hanevitisch sunnitischen Glauben an und seien Türken.

Eine zweite Gruppe, die nicht “zu uns“ gehörte, waren die Quros. Jeden Abend wurde im Radio (Radio Erivan) deren Musik angehört. Sie sagte: Das sind Sunniten, die Kırdaschki (Kurmanci oder Kurdisch) sprechen. Und wir sind Kırmanc (Zaza). Das bedeutete; wir sind Alewiten und sprechen Kırmancki. Alewit zu sein und Kırmancki sprechen waren unsere Identitätsmerkmale.

İlkay Açıkgöz: Welche Auswirkungen hatte die Schule auf Sie?

Hüseyin Şimşek: Mit dem Schulbeginn änderte sich vieles. Ich besuchte die Volksschule in Pelegöz, weil es in unsrem Dorf keine Schule gab. Als ich mit der Schule begann, kam ich darauf, das die Sprache die wir sprechen offiziell gar keine Sprache ist, dass in dieser Sprache nicht unterrichtet wird. Mir wurde gesagt, dass wir Türken sind. Unsere Sprache, unser Glaube und unsere Ethnizität waren in der Schule nicht erlaubt. Ich kam auch darauf, dass wir Türken seien. Wir dürften in der Schule unsere Identität nicht leben. Es war verboten.

Im Dorf sprachen wir natürlich weiterhin Kirmancki (Zazakisch), auch mit den Freunden in der Schule. Also die Schule führte zu einer teilweise neuen Identität…

Die Volksschule in Pelegöz  wurde im Jahre 1951 fertig gebaut. Es war nicht möglich in der eigenen Muttersprache Unterricht zu bekommen. Der erste schritt in der Schule bedeutete auch, sich in Exil einer anderen Sprache zu begeben. Das Leben im Dorf bestand nicht nur aus Schule und offiziellen Einrichtungen. Der Rest des Lebens im Dorf war Zazaki. Die Situation in Pelegöz könnte man als Halbexil der Sprache bezeichnen. Simsek lebte in seine Sprache hatte aber eine andere dazugelernt, eine andere Sprache war zu Gast bei ihm. Hüseyin Simsek besuchte nach der Volksschule das Internat in Tercan.

İlkay Açıkgöz: Was für eine Welt war das Internat?

Hüseyin Şimşek: Das Internat war ganz andere Welt. Die in der Schule in Gang gesetzte Änderungen im Bezug auf die Identität wurde im Internat vollzogen. Wir waren im Internat sozusagen im Exil der Sprache und des Glaubens. Sie werden dort zu einem anderen Menschen gemacht. Das Internat lag am äußeren Rand der Stadt und war mit Drahtzaun umzingelt. Es war ein Ort den man mit Schulbeginn betritt und mit dem ende des Schuljahres verlässt. Die Familien aus den nahegelegenen Dörfern konnten an Freitagen zu Besuch kommen. Ansonsten war es wie ein Gefängnis. Das Leben im Internat bestand nur aus lernen. Das heißt bis zur Schlafenszeit fand Unterricht statt. Die ganze Zeit wurde natürlich türkisch gesprochen. Als ich in den Ferien bei meiner Familie war, konnte ich sehr schwer mit ihnen Kirmancki sprechen. Ich brachte ihn türkisch bei. Das heißt in dem Internat wurde ich neue geschaffen...

Simsek’s Familie übersiedelte im Jahre 1974, als er mit der Hauptschule im Internat begann, nach Istanbul. Simsek wurde bewusst im Internat gelassen, weil die Familie der Ansicht war, dass er dort bessere Bildung bekommen würde. Simsek bleibt bis er die Hauptschule im Internat abschloss wie geplant in Tercan. In der Schule wurde er mit der Führung der Bibliothek betraut. Er las den Großteil der Bücher der Bibliothek. Yakup Kadri, Halide Edip, Sait Faik, Kemalettin Tugcu, Ömer Seyfettin waren die Schriftsteller deren Bücher er gelesen hat.

Die Ferien verbrachte er in Istanbul bei seinen Eltern. Er war der eineigen der SchulerInnen, die fließend türkisch sprechen konnten. Im türkisch Unterricht war er derjenige, der das vorlesen übernahm. Bei Feierlichkeiten las er Gedichte. In dieser Phase entfernte er sich von seinen Berufsvorstellungen. Er wollte nun mehr statt Lehrer oder Arzt zu werden; Journalist, Dichter oder Schriftsteller werden. Er trug die Lieder, die er gerne hörte, in seinem Tagebuch, das er noch bei sich hat. Er spielte mit diesen Texten in dem er diese Gedichte mit seinen Namen unterschrieb. Als die anderen draufkamen, begann er selber Gedichte zu schreiben.

Er führte sein Leben in Istanbul. Als ein junger Mann, von seinen Wurzeln entfernt. Dort lernte er Revolutionäre kennen. Dies führte zu einer Schwächung seiner Auffassungen: “Die Revolutionäre kamen mir vor, als wären sie von eine anderen Welt. In der Schule wurde uns beigebracht, dass wir alle Türken und Muslime seien. Diese Menschen sagten, dass das nicht richtig ist. Sie sagten, wir sind TürkInnen, KurdInnen, ArmenierInnen, LazInnen, TscherkesInnen; Alewiten, Sunniten, ChristInnen, JudInnen… Und wir sind gleich und Geschwisterlich. Alle Identitäten wurden ganz offen ausgesprochen und sie sahen all diese Identitäten als gleich an. Das hat uns sehr imponiert. Die verbotenen und unterdrückten Identitäten genossen bei ihnen Legitimität und Gleichheit…“

Er begann vermehrt die Werke von linken AutorInnen zu lesen die er im Internat nicht kannte. Die wenigen revolutionären Dichter wie Nazim Hikmet, Ahmet Arif, die er las, schockierten ihn. Denn ihre Gedichte hatten weder Reim noch Daktylus. In den Gymnasiumsjahren begann er Gedichte ohne Reim zu schreiben was er bis jetzt nicht konnte. Er bekam im zweiten Schuljahr bei einem Wettbewerb in der Schule den spezialen Jurorenpreis. Gedichte waren sehr populär. Er schreibt neben Gedichten auch Erzählungen.    

Leider führte der revolutionäre Umschwung der 78’er Generation nicht zur erwünschten Umgestaltung der Gesellschaft. Viele seine Freunden wurde getötet. Er wurde als er 19 war festgenommen. Die AktivistInnen wurden in den Gefängnissen schwer gefoltert. Von seinem 19. bis 24. Lebensjahr war er im Gefängnis. “Die 78’er Generation, StudentInnen, ArbeiterInnen, BäuerInnen und BeamtInnen waren auf der Strasse. Das bestehende System wurde abgeschafft und ein lebenswertes System ohne Verbote uns Unterdrückungen errichtet. Das war unsere Ziel“, sagte Simsek.

İlkay Açıkgöz: Können Sie uns etwas über die Zeit im Gefängnis erzählen?

Hüseyin Şimşek: Wie Sie wissen, fand in der Türkei am 12. September 1980 ein Militärputsch statt. Als der Putsch geschah, war ich mit dem Gymnasium fertig und bereitete mich auf die Aufnahmsprüfungen für die Universität vor. Ich wollte Politikwissenschaft, Jura oder Publizistik studieren. Ich war zu der Zeit einer illegalen Organisation  politisch aktiv. Ich wurde im März 1981 in Untersuchungshaft genommen und 111 Tage festgehalten. Danach festgenommen und ins Gefängnis Metris gebracht. Es war eine Klage, von der cirka 700 Personen betroffen waren. Knappe 5 Jahre war ich im Gefängnis als die Verhandlung abgeschlossen war habe ich 6 Jahre Haft bekommen und habe davon mehr als die Hälfte abgesessen.

İlkay Açıkgöz: Wie hat das Journalistenleben angefangen?

Hüseyin Şimşek: Als ich vom Dorf in das Internat kam, wir wollten alle Ärzte oder Lehrer werden. Und die Mädchen wollten Krankenschwester werden. Weil im Dorf Leben war, waren diese Berufe ideal für uns. Wir haben auch nie etwas anderes kennengelernt. Im Internat hatte ich Gelegenheit viele Bücher zu lesen. In den letzten Semestern habe ich angefangen dichten und zu schreiben und da hat sich mein Idealismus Richtung Beruf entwickelt langsam ist in mir der Berufswunsch Journalist aufgestiegen. In Istanbul zu meiner Gymnasiumszeit habe ich Gedichte und Geschichten geschrieben. Als ich in Haft kam, habe ich meinen ersten Versuch mit einem 100 Seiten Roman gestartet. Nach der Haftsitzung war klar, welche Berufsrichtung ich will es ist aber ein Problem aufgetreten. Der Bund wollte eine Bestätigung von der Universität. Die Situation war sehr schwierig. Ich wollte nicht zum Bundesheer, aber mein Beruf war sehr passend für die Situation ich konnte ohne Abzuschließen, rein aus Erfahrung in das Berufsleben einsteigen…

Einige MitarbeiterInnen der Zeitschrift ’Gökyüzü’ (Himmel) waren auch bei der Zeitschrift ’2000’ne Dogru’ tätig. Im Jahre 1986 fing er an bei ’2000’ne Dogru’ zu arbeiten. Im Jänner 1987 kam die erste Zeitschrift raus. Unter den Angestellten war auch Simsek dabei. Als er bei der Zeitschrift tätig war, schrieb er nebenbei seine Romane. Im August 1987 kam sein Roman “Metris war ein viel verzweigter Weg’ in die Regale.

In Istanbul hat er ca. 11 Jahre als Schriftsteller bei mehreren Zeitschriften gearbeitet: Nokta, Yeni Demokrasi, Komün, Roj, Jiyana Nu, Yön, Akis, Tempo, Aktuel, Gündem, Aydinlik, Cumhurriyet, Yeni Politika, Demokrasi, Yeni Ufuk… Bei diesen Zeitschriften und Tageszeitungen und bei den Privatradios Umut FM, Yurt FM, Yön FM war er vielen Branchen tätig. In dieser Zeit wurden seine drei Romane, ein Gedicht und zwei Wirtschaftsdokumentationen veröffentlicht in der Zwischenzeit wurde Simsek verurteilt.

“Ich fühlte mich wie ein siebenjähriger Junge“

“In meinem 11 Jährigen Berufsleben habe ich sehr viel über den 12. September geschrieben. Ich habe hunderte Situationen von Folterungen. Menschenrechten, Haftbefehlen beschrieben. Später habe ich auch über den aktuellen Tagesablauf geschrieben, dadurch ich über viele Dinge, die ich durch meine Schreibweise zu Tageslicht brachte verurteilt. Einer Tages hat mein Rechtsanwalt gesagt bei einer Verhandlung droht mir die Höchststrafe. Meine Familie lebt in Österreich und für mich war es besser, diese Zeit dort verbringen. Darum bin ich mit einem 3 Monats Besucher-Visum ausgereist. Zwei Monate nach dem ich hier war wurde meine Verhandlung abgeschlossen. Ich hatte ein Jahr Haft bekommen und 110 Millionen (türkisches Geld) Strafe, daher konnte ich nicht zurück in der Türkei. Und habe hier um Asyl angesucht. Für mich ist es hier in Österreich in der deutschsprachigen Gesellschaft sehr schwierig gewesen. Meine Muttersprache ist Kirmanci/Zazaki. Als ich mit der Schule anfing musste ich türkisch lernen und jetzt bin ich hier und muss ich integrieren und die Sprache lernen. Unser Beruf erfordert gute Sprachkenntnisse. Bei einem anderen Beruf ist die Sprache nicht so wichtig. Aber bei meinem Beruf kommt es an erster stelle. Als ich herkam, fühlte ich mich wie ein siebenjähriger Junge. Ich konnte die Sprache nicht meinem Beruf in deutscher Sprache  auszuüben war unmöglich für mich.

“Ich musste sowieso meinen Asylantrag abwarten und wollte in der Zwischenzeit nichts anderes machen. Nach ca. 6 Monaten kam ich mit einer Türkischsprechenden Gruppe zusammen. Wir wollten eine türkische Zeitung gestalten. Somit habe ich einen Weg gefunden, weiter zu machen. Im Jänner 1999 brachten wir die Monatszeitschrift Öneri (Vorschlag) heraus. Ich habe auch in verschiedenen Vereinen an kulturellen Aktivitäten teilgenommen. Zum Beispiel an Dichtergruppen und Theaterspielen. Zwischen 2001 und 2003 habe ich für die Tageszeitung “Özgür Politika“ wöchentlich etwas geschrieben. Damals gab es in Wien eine Integrationsstelle, die eine monatliche Zeitschrift herausgebrachte, bei der ich dann auch knappe 3 Jahre beschäftigt war. Das war sehr gut für mich, weil es türkisch war.

“2004 wurde die Zeitschrift Öneri im Zeitungsformat  herausgebracht. Ich habe mir in meinen Zweite Sprache (türkisch) immer Arbeit gefunden, den meinen Beruf in der deutschen Sprache auszuüben, diese Chance hatte ich nicht. Vielleicht ab jetzt! Danach haben die Tv Programme angefangen und es wird momentan so fortgesetzt.“

İlkay Açıkgöz: Wie viele Schriftstücke wurden von Ihnen veröffentlicht?

Hüseyin Şimşek: Ich habe Anfang 1987 angefangen. Damals schrieb ich einen Roman, den ich Mitte 1987 fertig geschrieben habe. Er heißt  “Metris war ein viel verzweigter Weg“. Es handelt von einem Hungerstrick  im Gefängnis. Danach habe ich eine Dokumentation über die Babys, die im Gefängnis auf die Welt kamen: “Die im Gefängnis Geborenen“. Mein zweite Roman war “September Code“. Danach ein wissenschaftliches Buch: “Feuer Mensch“. Mein erste Gedichtesbuch "Die mondlosen Nächte der kolonialisierten Städte” wurde im 1995 veröffentlich. Nach meinem dritten Roman “Ich will meine eigene Farbe” musste ich ins Ausland.

In meiner Asylzeit habe ich angefangen noch einen Roman zu schreiben. Aber davor sammelte ich meine Gedichte und brachte ein Buch heraus. Unter dem Namen “Eure Gesichter sind wie Wände“ wurde dies auch in der Türkei veröffentlich. Auch mein fünfte Roman ’Was ist das für ein Istanbul’ hat in der Türkei in den Regalen seinen Platz angenommen.

İlkay Açıkgöz: Wir bedanken uns für dieses Gespräch.

Hüseyin Şimşek: Ich bedanke mich und wünsche euch viel Erfolg.

Simsek sagt: “Jeder dessen/deren Muttersprache verboten ist, sollte sich gegen diese Verbote einsetzen und sich für die Entfaltung dieser Sprache engagieren. Für die Freiheit der verbotenen Sprachen muss in allen Belangen des Lebens gekämpft werden. Es muss dafür eine Politik geben die Organisationen müssen dies berücksichtigen. Es gibt unzählige Sprachen die vom Aussterben bedroht sind. Alle diese Sprachen erwarten von ihren Kindern, die im Exil der anderen Sprachen leben, gute Nachrichten. Ich würde, wenn ich könnte, alle Sprache sprechen.’’  

--------------------------------------------------------
Okto Tv – Öneri Report, 30. September 2011
http://okto.tv/oeneri

BÜCHER
ANTOLOGIE
ANSAGEN
GASTAUTOR
Die Gedichte von Simsek gingen sehr unter die Haut!

In einem Zazakischen Gedicht hat Hüseyin die Donau Mutter genannt. Ich kann mich nicht erinnern die Donau jemals als Mutter genannt gehört zu haben....[mehr]

© huseyin-simsek.com | E-Mail: huseyin.simsek@gmx.at