TÜRKÇE / DEUTSCH
Der Tanz des Buches mit dem Feuer
Bücher wurden geschrieben. Bücher wurden gedruckt. Die Bücher wurden zum grundlegenden Träger des Wissens. Dort wo sich das Buch Eintritt verschuf, erhob sich eine stumme Stimme. Es war nicht nur in Schulen, Bibliotheken und Buchhandlungen zu finden. Nein, auch in die Haftanstalten, Gefängniszellen und Gerichtsgebäude verschaffte es sich Zutritt.

ERSTES KAPITAL


Dort wo sich das Buch Eintritt verschuf, erhob sich eine stumme Stimme 

Die Verwendung der Schrift war einer der Meilensteine in der Menschheitsgeschichte. Er begann sich seiner selbst bewusst zu werden. Die Schrift half den Menschen, die im Leben erworbenen Kenntnisse miteinander besser und kompakter zu verknüpfen. Die Erkenntnis der Schriftsprache war eine große Bereicherung für die Menschheit. Die Schrift wurde in verschiedensten Formen, auf Stein graviert, auf Leder gezeichnet, auf Blei gegossen und mit Tinte auf Papier geschrieben.

Bücher wurden geschrieben. Bücher wurden gedruckt. Die Bücher wurden zum grundlegenden Träger des Wissens. Dort wo sich das Buch Eintritt verschuf, erhob sich eine stumme Stimme. Es war nicht nur in Schulen, Bibliotheken und Buchhandlungen zu finden. Nein, auch in die Haftanstalten, Gefängniszellen und Gerichtsgebäude verschaffte es sich Zutritt.

In jenen Ländern, in denen den Menschen ihr Menschsein zum Verhängnis gemacht wurde, wurde auch den Büchern ihr Buchsein tausendmal zum Verhängnis. Auch heute ist es in der Türkei nicht möglich das Schriftsteller dasein zu genießen. Man kommt nur in den Genuss der Schikanen und Qualen, die das Schriftstellerdasein in der Türkei so mit sich bringt. Doch, wenn auch das Schreiben, “einem Hemd aus Feuer“ gleichen sollte, so ist es doch unverzichtbar.

Die Bäder wurden mit Büchern aufgeheizt

Das Unterfangen die Geschichte des Buches, beginnend mit dem ersten Buch, das im Osmanischen Reich gedruckt wurde, bis hin zur Gegenwart zu erzählen, ist sicher der Mühe wert. Wie viele Bücher wurden zu welcher Zeit, an welchen Orten und mit welchen Methoden verboten? Wie viele Schriftsteller und Verleger mussten aufgrund von Büchern ihr Leben lassen? Die Antworten auf diese und ähnliche Fragen dokumentieren uns ein Gesamtporträt, auf das wir ganz sicher nicht stolz sein können.

Im Osmanischen Reich wurde das erste Buch im Jahre 1729 gedruckt. Dem Buchdruck folgte auch unmittelbar, wie könnte es anders sein, die Bücherverbrennung. Die osmanische Herrschaft ließ, die mit enormen Aufwand gedruckten Bücher, konfiszieren und die in Säcken verstauten Bücher Sack für Sack verbrennen. Auch den Büchern, die aus Europa kamen, wurde dieses Massaker nicht erspart.

In der Zeit von 1729, das Jahr in dem das erste Buch gedruckt wurde, bis 1839 wurden 434 Bücher publiziert. Die einzige Buchdruckerei im Osmanischen Reich war die Druckerei 'Darüt Tibatül Amire'. Das erste Buchverbot hingegen traf den Dichter Enderuni Fazil. Die Werke, 'Defter-i Ask' und 'Hubanitame' von Fazilließ man konfiszieren, um sie anschließend zu verbrennen. Es gibt sogar Dokumente über dieses Buchmassaker. Dieses offizielle Dokument trägt das Datum vom 12. Mai 1902. In diesem Dokument wird die Verbrennung der Bücher im Cemberlitas Bad in Beyazid, sowie die Menge der verbrannten Bücher mit 165 Säcken wie folgt festgehalten: "Heute morgen haben wir bis 12.00 Uhr fünf ganze Säcke voll von schädlichen und verbotenen Büchern verbrannt. Somit beträgt die Gesamtanzahl der verbrannten Bücher 165 Säcke."

Einige der für schädlich befundenen Bücher wurden wie folgt aufgezählt. Les Miserables/Victor Hugo, Das Verlorene Paradies/Milton, Die Reise von Paris nach Jerusalem/Chateaubriand, Die französische Version vom Koran, Europa-Asien (Ein Geographiebuch).

Folgende humoristische Zeitschriften, die im Ausland herausgegeben und in Istanbul verbreitet wurden, sind im weiteren verbrannt worden: Hayal, Hamidiye, Bebe Ruhi, Pinti, Davul, Dolap, Tokmak, Curcuna, Laklak.

Wie wurden diese Bücher und Zeitschriften verbran

Heute gibt es in Beyazid ein Pressemuseum, während der osmanischen Herrschaft war in diesem Gebäude dass Unterrichts - bzw. Bildungsministerium tätig. Es machte sich auch einen Namen als die 'Polizeiwache der Bücher'. Aus diesem Unterrichts Ministerium wurden die Bücher durch einen Tunnel zur Badeanlage transportiert und als Heizmittel verwendet. (

 

ZWEITES KAPITAL

Auch die Regierung der Republik hat Bücher verbrannt

Die türkische Regierung steht dem Osmanischen Reich in puncto Bücherverbot und Bücherverbrennung um nichts nach. Eine beschämende Tradition wurde fortgesetzt. Aus der Serie der Kinderbücher des Verlages 'Resimli Ay' wurden 1927 alle Exemplare des Buches 'Mädchen oder Bub' beschlagnahmt. 'Iskilipli Arif Efendi' wurde seiner Bücher wegen zum Tode verurteilt. Die Werke, die ihm zum Verhängnis wurden und aufgrund derer er sein Leben einbüßte waren namentlich 'Die Nachahmung des Westens' und 'Der Hut'.

Eine kleine Anzahl, der zwischen 1935 und 1944 verbotenen und verbrannten Bücher sind folgende: 'Anti Anti-Marksizm' (Kerim Sadi), 'Warum hat Benerci sich selbst umgebracht' (Nazim Hikmet), 'Der neunte Jahrestag' (Nihal Atsiz) und 'Unser Kampf ums Brot' (Resat Enis). Zur selben Zeit ließ man alle veröffentlichten Bücher von Dr. Hikmet Kivilcimli konfiszieren und verbrennen.

Die 60er Jahre waren für die Türkei eine Art verspätete Renaissance. Doch Bücher hatten auch in dieser Zeit nicht viel zu lachen. Im Jahre 1965 hat der Staat in Izmir ein Buch veröffentlicht, dass dann geheim gehalten wurde, weil dieses Buch den System kritischen Büchern gegenüber feindlich gesinnt war. In diesem Buch wurden die Leitlinien des Staates zur Beseitigung dieser Bücher, wie, warum werden Bücher verboten, wie werden Bücher konfisziert und wie kann man Bücher am besten verschwinden lassen, festgelegt.

Dieses besagte Buch beinhaltete auch eine lange Liste verbotener Literatur. Auf dieser schwarzen Liste verbotener Literatur war sogar das Buch 'Das Gebet einer Ameise'. Auch Ansichtskarten, die französische, deutsche oder polynesische Texte aufgedruckt hatten, waren verboten.

“Tödliche Bücher!“

Die Schriftsteller Hasan Ali Ediz, Kemal Tahir, Sabahattin Eyüboglu, der Historiker Prof. Mustafa Akdag, die Verleger Mehmet Ali Ermis, Oguz Akkan haben alle eine traurige Gemeinsamkeit. Man erinnert sich an sie als 'Bücheropfer'.

Da drängt sich die Frage auf, wieso das so ist. Die oben genannten Schriftsteller und Verleger sind alle aufgrund ihrer Bücher entweder in Untersuchungshaft oder während einer Verhandlung im Gerichtssaal oder kurz nachdem sie die Haftanstalt verließen einem Herzinfarkt erlegen und verstorben.

Der Eigentümer des 'Verlages Der Tag', Mehmet Ali Ermis hatte im Jahr 1973 etliche Klagen am Hals. Zuletzt war er zur Verhandlung von Nazim Hikmet's Buch 'Das Leben ist schön mein Freund' vorgeladen, da der Schriftsteller selbst im Exil war. Der Verleger Ermis hatte im Verhandlungssaal einen Herzinfarkt und starb.

Der Historiker Prof. Mustafa Akdag wurde beschuldigt, den Artikel 141 der Verfassung verletzt zu haben. An dem darauf folgenden Tag erlag auch er einem Herzinfarkt.

Nach dem Militärputsch am 12. September 1980 sind ähnliche Dinge geschehen. Der Redaktionsleiter Ali Ugur des Cem Verlages beschreibt diese Tage folgendermaßen: "In diesen Tagen beschlagnahmten die Wächter Bücher und verbrannten sie." Dieser Verlag begann alle Werke Nazim Hikmets zu publizieren. Aus diesem Grund wurden Müjdat Gezen und Savas Dincel, zwei Schriftsteller dieses Verlages in Istanbul verhaftet und der Strafanstalt Diyarbekir übermittelt. Oguz Akkan, der Eigentümer des Verlages, erlag, während er versuchte, die Verhandlungen zu verfolgen und an ihnen teilzunehmen, den Strapazen und erlitt ebenfalls eine Herzattacke.

Mehmet Ali Yalcin, der Eigentümer des May Verlages publizierte in diesen Tagen die sogenannte "Enzyklopädie der sozialistischen Kultur". Da die letzten drei Ausgaben wegen Papiermangels nicht publiziert werden konnten, trifft sich Yalcin persönlich mit dem Unterrichtsminister, um die Lösung des Papierproblems zu besprechen. Auch Yalcin's Herz wird schwach und er erliegt im Ministerium einem Herzinfarkt.

Schriftsteller und Verleger, die zu Tode geprügelt wurden

Die Brüder Muzaffer und Ilhan Erdost haben im Jahre 1965 die sogenannte Linke Verlagsgesellschaft gegründet. Mit dem Militärputsch am 12. März 1970 wurde Muzaffer Erdost verhaftet. Die Regierung hat eine Vielzahl der Bücher dieses Verlages beschlagnahmt. Die Linke Verlagsgesellschaft ging in Konkurs. Sein Bruder llhan Erdost gründete alsbald den Onur Verlag.

Die Tätigkeiten dieses Verlages sollten mit dem Militärputsch am 12. September 1980 ein jähres Ende finden: Die Junta nahm die beiden Brüder am 1. November 1980 in Ankara in Untersuchungshaft. Während des Transports in die Strafanstalt wurden die beiden Brüder im Militärwagen brutal zusammengeschlagen. Bei der Ankunft vor der Mamak Strafanstalt musste der Leichnam von Ilhan Erdost aus dem Wagen geborgen werden. Die Klagen gegen etliche Bücher des Verlages wurden letztendlich alle fallengelassen und die Bücher wurden sozusagen freigesprochen.

Aber das wissen wir. Ilhan Erdost konnte das leider nicht mehr erleben. Der Oberfeldwebel, der Unteroffizier und die vier Soldaten, die Ilhan Erdost zu Tode geprügelt haben, wurden nicht einmal strafrechtlich verfolgt.

Die Schriftsteller, die zwischen den Jahren 1990 und 1998 getötet wurden: Hüseyin Deniz, Musa Anter, Yusuf Ziya Ekinci, Medet Serhat, Turan Dursun, Ugur Mumcu, Metin Altiok, Asim Bezirci, Behcet Aysan, Onat Kutlar...

Es gab auch Dichter, die aufgrund ihrer Veröffentlichungen immer mehr unter Druck gerieten und ihre Artikeln stark zensuriert wurden und Folge dieser Verfolgungen gestorben sind, einer von diesen war Soysal Ekinci. Soysal Ekinci wurde per Haftbefehl gesucht, weil er in seinem letzten Buch "Zwischen den Ruinen" das Wort Kurdistan verwendet hatte. Er erhängte sich dann im Jahre 1993 in seiner Wohnung.

Die Militärjunta vom 12 September 1980

Im Jahr 1982 hat die Regierung 133.607 Bücher des Verlages 'Wissenschaft und Sozialismus' konfisziert. Gegen den Eigentümer dieses Verlages, Süleyman Ege wurde ein Verfahren eingeleitet. Die Regierung ließ die konfiszierten. Werke am 3. Juni 1985 in der Strafanstalt Mamak verbrennen.

Allein gegen 37 publizierte Werke des Juri Verlages, dessen Eigentümer Ünsal Öztürk war, wurden 34 Verfahren eingeleitet.

Das Gesetz “Das Gesetz über den Schutz der Kinder vor erotischen Büchern“ wurde am 12. März 1986 rechtskräftig. Allein in Istanbul wurden innerhalb von drei Monaten gegen drei Tageszeitungen und acht Wochenzeitschriften insgesamt 48 Verfahren eingeleitet.

Der Zensurrat ließ alle Exemplare von Ahmet Altans Roman “Die Spur im Wasser“ beschlagnahmen. Während gegen den Schriftsteller und gegen den Verleger Verfahren eröffnet wurden, wurde das besagte Buch verbrannt.

Nach der Machtergreifung der Junta am 12 September 1980 war die Beschlagnahmung und die anschließende Verbrennung von Büchern, sowie die Bestrafung von Schriftstellern und Verlegern keine außergewöhnliche Angelegenheit mehr. Nein, solche Dinge waren an der Tagesordnung. Ismail Besikci, Prof. Fikret Baskaya, Haluk Gerger, Aydin Dogan, Edip Yüksel, Yilmaz Odabasi, Edip Polat, Hacay Yilmaz, Günay Asian, Ahmet Zeki Okcuoglu, Ömer Agin, Recep Marasli, Mehdi Zana, Ilyas Burak, Münir Ceylan, Numan Baktas, Mehmet Bayrak, Metin Ciyaye, Dogu Perincek, Yalcin Kücük...usw.

Die genannten Schriftsteller haben teils ihre Zeit im Gefängnis bereits abgesessen, teils sind sie immer noch in Haft wie z.B. Ismail Besikci, Recep Marasli, Dogu Perincek und Yalcin Kücük. Gegen Verleger wie Ünsal Öztürk, Ayse Zarakolu, Muzaffer Erdogan, Ismet Aslan, Ahmet Önal laufen noch etliche Verfahren.

Im Jahre 1990 wurden 24 Bücher beschlagnahmt. Ein Jahr später ist die Zahl der Bücher auf 29 angestiegen. Diese Zahl betrug im Jahre 1992 / 20, 1993 / 29, 1994 /37.

Nach dem Militärputsch am 12 September 1980 sind 25.000 Bücher als gefährlich und schädlich für das Regime betrachtet worden, sie wurden im Lager des Kulturministeriums deponiert und verbrannt. Manche dieser Bücher waren von folgenden Schriftstellern: Maksim Gorki, John Steinberg, Nazim Hikmet, Necati Cumali, Ilhan Selcuk, Aziz Nesin, Cetin Altan, Kemal Tahir, Yasar Kemal...

Die kurdischen Verlage, denen man keine ruhige Minute gönnt

Die Militärjunta vom 12. September 1980 ließ alle kurdischen Verlage zusperren. Leitende Organe dieser Verlage, die nicht schnell genug fliehen konnten, wurden sofort ins Gefängnis gesteckt. Und wieder brannten die Bücher.

Neue kurdische Verlage wurden erst wieder ab 1988 gegründet. In dieser neuen Phase war der Verlag Carcira der erste kurdische Verlag, der gegründet wurde. Die Liste der kurdischen Verlage wurde nun immer länger. Um nur einige zu nennen: Dicle-Firat, Doz, Melsa, Zel, Med, Pelesor, Özge, Deng, Dilan, Beybun, Berhem, Arya, Firat, Komal, Zagros, Peri...

An die 95 %, der von diesen Verlagen publizierten Werke, wurden beschlagnahmt. Die Regierung ließ bei diesen Verlagen ständig Razzien durchführen. Viele dieser Verlage ließ sie auch schließen. Auch wurden die Computer, die Archive, die gesamten Arbeitsmaterialien und Dokumente beschlagnahmt.

Der Geheimdienst des türkischen Staates, MIT hat 1987 über den Zustand der Verlage einen Bericht zusammengestellt. Auch eine Schwarze Liste von sogenannten 'zerstörerischen und separatistischen Verlagen' war vom Geheimdienst erstellt worden. Diese Schwarze Liste wurde im Mai 1997 in die Hände der Presse zugespielt. 1998 wurde auf den Berfin-Kora Verlag ein Bombenanschlag verübt. Auch dieser Verlag war auf der schwarzen Liste des Geheimdienstes. Noch in derselben Woche wurden viele kurdische Verlage einer Razzia unterzogen. Viele Mitarbeiter dieser Verlage wurden festgenommen.

Es ist in der Türkei niemals ein einfaches Unterfangen gewesen, ein Schriftsteller oder ein Verleger zu sein. Für die Ausübung dieser Tätigkeiten musste man immer schon einen hohen Preis zahlen.

(1995 Istanbul, Zeitung Roj)

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Die Gedichte von Simsek gingen sehr unter die Haut!

In einem Zazakischen Gedicht hat Hüseyin die Donau Mutter genannt. Ich kann mich nicht erinnern die Donau jemals als Mutter genannt gehört zu haben....[mehr]

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