TÜRKÇE / DEUTSCH

Gedichte wieder Städte
“In meinen Gedichten setze ich mich oft mit Städten auseinander. Ich habe dieses Thema nicht absichtlich gewählt, aber Städte spielten in meinem Leben immer eine entscheidende Rolle. Wenn ich so über mein Leben nachdenke, dann entsteht so ein Bild: Früher lebten wir im Dorf und hatten ein ganz anderes Leben. Kurdische Aleviten waren wir. Dann verschleppten sie uns einfach in die Städte…“

Ali CAN

 

Hüseyin Simsek, Journalist und Schriftsteller, erzählt uns hier über seine Kindheit und sein Leben im Exil, bevor er nach Wien kam. Das Buch “Yüzünüz Karşı Duvar“ ist sein zweites Buch, das veröffentlicht wurde, seit er ein Migrantenleben führt. Dieses Buch ist in Istanbul beim Verlag Tohum erschienen. Simsek beschäftigt sich seit einiger Zeit mit Schriftstellern und Dichtern, die große Schwierigkeiten haben in ihrer Muttersprache zu schreiben. In diesem Rahmen veranstaltete er Diskussionen wie “Dichter verbotener Träume“, “Dichter einer verbotenen Sprache“…

Er äußerte sich in diesen Diskussionsrunden über das Schreibabenteuer der kurdischen Autoren, mit verschiedenen Perspektiven und Beispielen.

Wenn wir jetzt mit deinem “Schreibabenteuer“ beginnen, welche Verbote hast du schon durchbrochen?

Simsek: Wir sind Menschen eines durch Kriege, Aufstände und Masakker  gezeichneten Landes. Dies stellt in unserem Leben einen wichtigen und entscheidenden Grund dar. Nicht ohne Grund sagte man: ''Die Sorgen, lassen den Menschen sprechen“. Besonders in der Türkei ist der Preis als Kind einer zazaisch- alevitischen Familie auf die Welt zu kommen sehr hoch. Um meine eigene Geschichte, die der vielen Kurden und Aleviten ähnelt, zu erzählen, könnte ich so beginnen:

Mit sechs Jahren ging ich zur Schule und konnte kein Wort Türkisch. Nachdem ich mit der Schule angefangen hatte, sprach ich Kurdisch nur im Dorf und kommunizierte immer seltener in meiner Muttersprache. Nun gab es für mich eine neue Bildungssprache, mit dessen Literatur  ich mich gerne beschäftigte. Diese Ausbildung ging für mich ab der vierten Klasse im Internat weiter.

Am ersten Tag des Internats fühlte ich mich wie ein wildes Tier, das sie aus einem Wald geholt haben. Ich wurde sozusagen neu geformt. Man nahm mir meine Identität, meine Muttersprache und meinen Glauben. Ich existierte nun mit einer neuen Persönlichkeit. In dieser neuen Mentalität, die mir aufgezwungen wurde, gab es nur eine Nationalität und eine einzige Sprache. Die kurdische und alevitische Realität musste man hilflos vergessen. Lediglich die türkische Geschichte, Kultur, Sprache, Kunst, Musik und Tradition durften übernommen werden.

Acht lange Jahre mussten wir das Gelöbnis: “Ich bin Türke, aufrichtig und fleißig,…“ ablegen. Als meine Freunde und ich wieder unsere Dörfer besuchten, spielten wir die Rolle des Ausbildners für die Ungebildeten und die Nicht- türkisch- Sprechenden. Je mehr die Internatskinder Türkisch sprachen, desto mehr sprach auch die Dorfbevölkerung diese Sprache. Das Regime nutzte uns als mittel für ihre Assimilationspolitik aus.

Nach dem Austritt aus dem Internat ließ ich dort, wie es unter diesen umständen anzunehmen ist, meine kurdische Realität und Muttersprache zurück.

Dann fangen für dich die Jahre in Istanbul an und soweit ich weiß stellt diese Stadt einen Wendepunkt für dich dar, oder?

Simsek: Ja es war ein Wendepunkt in meinem Leben, aber ein sehr schmerzvoller. Meine Jahre in Istanbul begannen gleich nach der Unterstufe. Meine Auseinandersetzungen mit dieser Stadt sind sehr heftig. Der Kampf und die Liebe zu Istanbul scheinen bei mir kein Ende zu nehmen. Was für ein Wendepunkt Istanbul war? Istanbul war für mich die Zeit, die mich wieder zu meinen Wurzeln geführt hat. Das ganze Land befand sich in einer Vorkriegsphase, in welcher Zaza oder Kurden und Aleviten zu Hauptzielen wurden. Die revolutionären Gruppen, welche die Rechte und Freiheiten dieser Menschen verteidigten, sorgten dafür, dass ich wieder zu meiner ursprünglichen Identität zurückfand.

Schon mit Fünfzehn war ich im Mitten politischer Aktivitäten dieser Gruppen. Das Ziel unserer Gruppe war zwar nicht die Befreiung der Zaza und Aleviten, aber ich war mit ihren solidarischen  Ideen für diese Völker  zufrieden. Mit der politischen und sozialen Revolution zielten wir darauf ab alle unterdrückten Nationen, Völker und Minderheiten zu befreien. Unsere Initiative riet uns immer international zu agieren. In dieser Phase konnte ich mich auch schon ganz offen über diese ethnische Wahrheiten äußern.

Jedenfalls war es für mich eine harte Zeit. Zum Beispiel als ich zu meinen Mitstreitern sagte, dass ich Alevite bin, ließen sie mich trotz ihrer solidarischen Gedanken eine Weile fremd fühlen.

Für die umstände dieser Zeit war die politische Aktivität für jeden selbstbewussten Jugendlichen fast ein “Muss“. Dies war auch der Ausgangspunkt deiner Tätigkeiten. Aber wie begann deine Bekanntschaft mit der Literatur, wann hast du angefangen zu schreiben?

Simsek: Vorhin habe ich dir erzählt, dass ich angefangen hatte ganz offen allgemein und über meine ethnische bzw. religiöse Identität zu sprechen. Aber trotzdem lebte ich „türkisch“. Der Alltag ging auf dieser Sprache weiter. Auf Kurdisch lesen und schreiben zu können war noch kein Thema für mich. Ein Detail, das ich jetzt zurückblickend hervorheben möchte, wird vielleicht den Beginn meines Schreibens verdeutlichen. Ich habe doch erwähnt, dass man mir im Internat versucht hat meine Identität zu stehlen. Dennoch  gab es auch manche Dinge, die mich nicht loslassen wollten und später das Zu- mir- Finden erleichtern würden. Welche Dinge das waren? Unsere traditionellen Lieder, Wiegenlieder, Legenden, Märchen…

Dadurch tauchte eine geheime, enge, aber feste Welt, “das andere Leben“  auf. Dieses “andere Leben“, das ich jahrelang unterdrücken musste, hat dann eine Möglichkeit gefunden hervorzutreten. Eigentlich hat mein Schreiben eine gewöhnliche Geschichte. Wie ich schon erwähnte, sagt man: “Die Sorgen lasen den Menschen sprechen“. Bei mir war es auch so. Damals im Internat war das Auswendiglernen der Volkslieder eine großartige Sache. Ich glaube meine Schreibliebe begann auch mit dem Auswendiglernen dieser Volkslieder. Im Internat hatte ich alle meine Lieblingsliebe in ein Heft geschrieben und darunter immer meinen Namen anstatt den des Dichters geschrieben. Alles begann also mit Betrügerei. Dieses Heft habe ich noch immer. Viel später habe ich angefangen Verse, ähnlich diesen Liedern  zu schreiben. Ich las Nazim Hikmet  und Ahmed Arif.

Zuerst war ich schockiert, denn in ihren Gedichten gab es weder Reime noch einen Maß. Diese Beiden waren sehr bedeutende revolutionäre Dichter. Bis dahin gab es für mich nur Reime und Versmaße der Lieder. Im Gymnasium  begann ich freie Gedichte zu schreiben. In der Zweiten habe ich einen Preis erhalten. Poesie war sehr beliebt doch Geschichten interessierten mich immer mehr. Kurz vor den Gefängnisjahren hatte ich versucht einen Roman zu schreiben. Doch ehe ich es beenden konnte, musste ich ins Gefängnis.

Während viele politische Persönlichkeiten sich im Gefängnis zu Literaten entwickelten, verstehe ich nicht warum du dort aufgehört hast dein Buch zu schreiben?

Simsek: Im Gefängnis schrieben wir alle Gedichte, denn dafür war die Atmosphäre ideal.  Zu meiner Zeit ließen auch die Umstände einen Roman nicht zu. Da es nicht möglich war ihn zu verstecken oder aus dem Gefängnis zu schaffen. Aber meine Gedichte konnte ich problemlos als Briefe verschicken. Auch damals hatte ich den Wunsch richtig zu Schreiben. Ich hätte mich zwar beim Schreiben tiefer ausdrücken können, aber da es nicht möglich war, fühlte ich mich gezwungen diese Leere durch Gedichte zu kompensieren. Aus meiner sicht war es richtig so, aber die Poesie war eigentlich zu wenig für mich. Nach meiner Entlassung, habe ich kein einziges dieser Gedichte veröffentlicht. Stattdessen schrieb ich meinen ersten Roman und publizierte ihn August 1987.

Gibt es einen anderen Grund  dafür, dass du diese Gedichte, nicht veröffentlicht  hast? Und was passierte mit deinem gescheiterten Roman vor der Verhaftung?

Simsek: Natürlich gab es auch andere Gründe, aber diese waren die wichtige literarische Gründe. Nachdem ich sie geschrieben hatte, wurde mir bewusst, dass diese Verse aus literarischer Sicht keinen Gedichten entsprachen. Es waren nur Zeilen voller politischer Emotionen, weit von Poesie entfernt. Deshalb wollte ich sie nicht publizieren. Mein Poesiegeschmack und meine Gedanken änderten sich sehr schnell, aus diesem Grund beschloss ich anstatt literarische Werte meine Gedichte zu opfern.

Dieser gescheiterte Roman kam mir nach fünf Jahren lächerlich vor. In diesem Roman hatte ich über die unterdrückte Gesellschaftsschicht geschrieben, Lenin zitiert und versucht mich mit dem Thema Revolution auseinander zu setzen. Natürlich ist hier zu bedenken, dass das Ganze sich zwischen meinem 16. und 18. Lebensjahr abspielt. Mit 19 hat man mich verhaftet. Während der fünf Jahre im Gefängnis, hat sich bei mir die Schreibsprache weit entwickelt. Aber ich muss auf jeden Fall zugeben, dass ich bezüglich Sprache vieles meinen Jahren als Journalist zu verdanken habe.

Vorhin sagtest du, dass der Alltag “türkisch“ war. Inwiefern war das ein…  

Simsek: Ja, aber ich sagte auch, dass ich nicht mehr ich selbst war. Während ich gegen diese Ungerechtigkeit kämpfte, konnte ich nicht gleichzeitig mein ursprüngliches “ich“ zurück verlangen. Denn die Wichtigkeit der Sprache als mittel ist keine Frage aber wesentlich wichtiger ist das Ziel. In Hinsicht der Rechte und Befreiung der verschiedenen Nationen und Völker, ist die Sprache ein Mittel des Ausdrucks. Damit meine ich Folgendes:

Während ein vom Staat gekaufter “Kurde“ im Fernsehen gegen die Kurden auf Kurdisch spricht, spricht der türkische Intellektuelle Ismail Besikci für die Kurden auf Türkisch und wird auch deshalb jahrelang im Gefängnis eingesperrt. Vielleicht nicht jede Generation, aber bestimmten Generationen könnten sich darunter etwas vorstellen. Für mich wurde Türkisch zu meiner Denksprache. Das konnte ich nicht mehr ändern, denn es war das Ergebnis einer jahrelangen Assimilation. Zum Beispiel, Kinder, die hier geboren werden, aufwachsen und kein Problem mit Integration haben, werden, egal ob ihre Muttersprache Türkisch, Kurdisch, Zazaisch, Serbisch…ist, auf Deutsch denken. Die Sprache der Ausbildung entwickelt sich zur Sprache des Denkens. Ist es nicht möglich zweisprachig zu denken? Natürlich ist es. Es gibt viele Menschen die zwei Sprachen gleich gut beherrschen.

Aber ich spreche eher aus der sicht (m)einer Generation. Seit vier Jahren versuche ich Deutsch zu lernen und werde vielleicht auch in der Zukunft in dieser Sprache schreiben können. Trotzdem ist es für mich zu spät um in dieser Sprache zu denken. Ich könnte auf Türkisch denken und dann versuchen auf Zazaki oder Deutsch zu schreiben. Das wahre Problem ist eigentlich die Freiheit der kurdischen Sprache, denn es wäre nicht sinnvoll einem jahrhunderte lang unterdrücktem Volk zu befehlen in ihrer bisher verbotenen Sprache zu denken.

Eine neue Denksprache kommt also für dich nicht in Frage. Kannst du dir trotzdem vorstellen, türkisch- denkend in deiner Muttersprache oder in anderen Fremdsprachen doch etwas zu schreiben?

Simsek: Ja! Mein Zazaki Grundwissen sollte ich nicht unterschätzen und ich kann es auch weiterentwickeln. Ich müsste nur meinen Wortschatz erweitern und die Grammatik so festigen, dass ich schreiben kann. Schon diese Idee finde ich aufregend genug. Denn in einer Sprache, die fast vernichtet wurde zu schreiben, ist eine große Sache. Das zu verwirklichen ist auch eine wichtige Mission. Deshalb spielt hier die Literatur eine mächtige Rolle. Nur unter einer Bedingung käme diese Art vom Schreiben für mich in Frage: Egal was geschrieben wird, darf nicht unter der Qualität leiden. Man darf hier nicht vergessen, dass was man unter einem guten Gedicht, Geschichte, Roman usw. versteht hat nichts damit zu tun in welcher Sprache es verfasst wurde, vielmehr wie gut es der Literaturgattung entspricht. Für mich ist dieses Thema so bedeutend, dass es keine Spielerei verträgt. Deshalb werde ich, nur wenn ich gut genug bin auf Kurdisch schreiben. Ohne diese Voraussetzung, werde ich mich natürlich mit den Übersetzungen meiner Arbeiten begnügen. Das wäre für mich die beste Lösung in Hinsicht des Respekts vor einer Sprache und dem intellektuellen Gewissen eines Literaten.

Wenn ein Autor unter Druck ist oder mit Verbote konfrontiert wird, dann muss er um die Anerkennung seiner Realität und um die Befreiung seiner (Mutter-) Sprache kämpfen. Zu diesem Zweck sollte man in allen Bereichen des Lebens aktiv sein, egal ob politisch oder sonst etwas. Ich würde sagen, nur wenn man wirklich glaubt es richtig auf die Reihe zu kriegen, sollte man sich mit Literatur beschäftigen. Yasar Kemal, Ahmed Arif, Cemal Süreya, Enver Gökce usw. Das sind die bedeutendsten Schriftsteller der türkischen Literatur. Alle sind Kurden, doch sie schrieben auf Türkisch. Von diesen Schriftstellern ist noch Yasar Kemal am Leben. Er widmete sein Leben der türkischen Sprache und wurde auch sehr Erfolgreich. Könnte man ihn zwingen auf kurdisch zu Schreiben? Ist das Vorstellbar? Nur die neue Generation der Literaten hat die Möglichkeit Kurdisch in die Zukunft zu tragen.

Stätte stellen in deinem Leben Wendepunkte dar. In deinem Letzten Buch finden wir meistens Gedichte, die eine Verbannung von einer Stadt oder eine Auseinandersetzung mit ihr thematisieren. Warum verträgst du dich mit diesen Städten nicht?

Simsek: Um das zu Beantworten möchte ich dir vorher noch Einiges erzählen.  Ich ging im Nachbardorf in die Volksschule. Gleichzeitig war dieses Dorf unser altes, daher kannten wir fast die ganze Dorfbevölkerung. Mit vielen aus diesem Dorf waren wir befreundet und verwandt. Unsere Ausbildungssprache war Türkisch aber unser Alltag ging Kurdisch weiter. In dieser Hinsicht Erlebeten wir, zu mindest in der Volksschulzeit keine gewaltige Veränderung. Nach der dritten Klasse musste ich in das Internat weiter gehen. Wie durch ein Messer getrennt, wurden wir nun auch von unserem Alltag getrennt. Unser Essen, unsere Bette, unsere Uniforme, ja sogar bis unsere Unterwäsche hat sich alles geändert. Diese Joghurtbecher, die wir zum Trinken bekamen, waren für mich wie Spülwasser und nach diesem Kichererbsengericht, dass wir essen mussten, musste ich mich öfters übergeben. Hingegen liebte ich den Geschmack von Oliven und Käse. Alles war nicht schlecht aber so oder so hatte für uns ein ganz anderes Leben angefangen.

Im Internat ist der Alltag gleich Schule und Schule ist gleich Türkisch. Die Internatwelt in diesem kleinen Bezirk stellte mein ganzes Leben auf den Kopf. Nach dieser Phase kam ich in eine riesige Stadt. Istanbul. Sie summte wie eine Biene. Jeder schrie nach etwas anderem. Diese Schreie erinnerten mich wieder an meine Identität, meinen Glauben und meine Sprache. Istanbul hat mich wachgerüttelt, und ich schaffte es mit der Zeit aus den Mustern des Internats herauszukommen. In dieser Hinsicht spielte die Großstadt eine gute Rolle.

Aber die Aufblühung meiner Generation in diesen Städten dauerte nicht mehr lang. Sie wurde schnell beendet. In den Städten, die wir “im Griff zu haben“ glaubten, wurden wir der Folter ausgesetzt. Viele unserer Freunde wurden getötet. Die überlebenden steckte man in die Gefängnisse. Wie in diesem berühmten Gedicht von Sabahattin Ali wurden die Städte zu einer Falle für uns.

Nun ich bin kein Feind dieser Städte und ich habe auch nicht vor die Aktion “Zurück in die Natur“ zu starten. Die Städte verwende ich manchmal als Symbol oder Basis des Widerstandes gegen das bestehende System und Leben. Aber Tatsache ist auch, dass Städte für Menschen, ihre Beziehungen und für die Natur Orte großer “Zerstörungen“  sind. Die größten Städte sind gleichzeitig Zentren größter Entfremdung. Der Ruf nach Natur und Natürlichkeit! Ich glaube, ich kann sagen, dass meine Arbeit diesen Inhalt hat. Das ist ein empfindliches Thema. Ich bin für neue Veränderungen aber gegen Zerstörung der Werte, die alle Lebewesen brauchen. Das Leben fließt auch im Spannung des “was war ich – was wurde aus mir“.

Natürlich erlebt das jeder anders. Manche von uns kommen sogar davon nicht weg ständig ihre Vergangenheit zu erfragen. Sie haben das Problem nicht in “Heute“ leben zu können. Ich möchte nie in so einer Situation sein.  Vielleicht liegt hinter meiner kritischen Haltung die Tatsache, dass ich mich zwang das Land und die ethnischen Wurzeln als zwei einander ergänzende Bedingungen zu sehen. Das Problem  ist nicht von einem Ort in das nächste zu gehen, sondern das Fehlen von „etwas Gewissem“ zu fühlen. Also wenn dieses “Fehlen“ nicht aus der Welt geschafft werden kann, dann beginnt die Sehnsucht des Verlassenen Ortes.

Wenn an dem neuem Ort ein ungewollter Verlust auch dazukommt, dann wird einem klar wie schwer die Lage ist. Soweit ich weiß haben meine Vorfahren nie ihr ganzes Leben an einem Ort verbracht, fast jede Generation erlebte eine neue Auswanderung. Ich glaube ein Teil dieser sich ständig bewegenden und wandernden Gesellschaft zu sein, bringt nach Jahrhunderten auch neue persönliche Eigenschaften mit. Mich meiner Natur entsprechend als einen Reichen Menschen zu bezeichnen hat mir immer gefallen. Wenn ich mich gerade wieder mit einer Stadt nicht vertragen kann, ist das nicht immer wegen eines Rückkehrerwunsches in die Natur, sondern manchmal auch der Wunsch eine Neue Stadt zu sehen. Einen Ort zu verlassen ist für mich fast ein natürlicher Trieb. Aber nicht nur physisch in einem neuen Ort zu sein, sondern auch immer Veränderungen und Erneuerungen gegenüber offen sein zu können, ist für mich ein Teil dieses unendlichen “Gehens“.

Das erste Buch zu veröffentlichen ist meistens sehr schwer, wie hat es bei dir geklappt?

Simsek: Als 1987 mein erster Roman zu Publikation bereit war, arbeitete ich schon als professioneller Journalist beim “2000`e Dogru“, welches wöchentlich erschien. Die mit Schreibmaschine verfasste Auflage gab ich zuerst Murat Belge, der im Team des “Yeni Gündem“ `s und gleichzeitig einer der Verantwortlichen des Iletisim Verlages war. Ich wählte ihn nicht wegen der Frage des Drucks sondern wegen seine Kritik, Interpretation und Vorschläge. Seine politischen und ideologischen Ansichten waren mir ziemlich fremd. Ich hatte sogar Texte verfasst, die ihn kritisierten. Jedoch kannte ich seine ruhige Art, seine Toleranz und seine intellektuelle Naivität, die einem Derwisch ähnelte ganz gut.

Da er das Buch in Teilen las, schaute ich ab und zu vorbei und hörte mir seine Tipps an. Ich erinnere mich nicht mehr wie oft ich gegangen bin. Jedenfalls war das Ergebnis viel Kritik und die Empfehlung das Buch nicht in diesem Zustand zu veröffentlichen. Ehrlich gesagt dachte ich damals, so über diese Aussage: Ein Reformist! Belge, der Zivil- Gesellschafter, möchte, dass ich meine Helden reformiere. Nach seiner Ansicht sollten diese Charaktere, die als schnelle Revolutionäre im Gefängnis landeten, so schnell wie möglich zur einer ungefährlichen Konformität neigen. Ohne eine Zeile des Romans zu verändern, gab ich es dem Belge Verlag, das  in der Nähe meines Arbeitsortes war und nur linke Bücher druckte. Auf diese Weise lernte ich Ragip und Ayse Nur Zarakoglu kennen. Liebe Ayse Nur war sehr aufgeregt als sie mein Buch  las. Sie sagte ich solle es auf keinen Fall verändern. Ein Zufall, dass es der Beginn der “Yeni Sesler“ Serie war. Mein Buch “Ayrimi Bol Bir Yol“ wurde das zweite Buch und der erste Roman dieser Serie.

Du hast ein links bzw. sozialistisch geprägtes Leserprofil. Auch wenn nicht oft, beteiligst du dich doch an verschiedene Veranstaltungen und Diskussionen und triffst  so deine Leser. Wie siehst du die ihre Lage?

Simsek: Leider sind wir mit einem Leserprofil konfrontiert, die wieder in sich verschiedene Gruppen bildet. Jeder Leser  steht natürlich einer anderen Bewegung nahe. Aber das ist auch nicht das Problem, es geht viel mehr darum wie diese politischen Gefühle entstanden sind. Der Leser, der sich nur über die Literatur, die seiner Ideologie entspricht, informiert; hat bewusste oder unbewusste Vorurteile gegenüber allem anderen. Sowohl kurdische als auch türkische Leser haben in dieser Hinsicht eine enge Perspektive und starre Einstellungen. Es gibt nur wenige, die dieses Problem überwältigt haben. In diesem Fall könnte der Verfasser versuchen sich in andere Dimensionen zu bewegen. Ich finde auch die unpolitische Haltung eines Literaten nicht richtig. Außer diejenigen, die man kennt und die, die meine Arbeiten für wichtig halten, ist es schwer diesen Kreis des bestimmten Leserprofils zu brechen. In dem ich in verschiedenen Organen der Presse weiterhin tätig bin, und auch öfters an verschiedenen Veranstaltungen teilnehme, möchte ich es schaffen diesen Kreis zu brechen, die Literaturkanäle zu vervielfältigen und zu bereichern. Da ich es Tag für Tag erlebe,  glaube ich,  dass es auf diese Weise funktionieren könnte.

Die Menschen, die die Welt verändern wollen,  werden sich immer nach neue Beziehungen und Gedanken sehnen.

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2001 / Özgür Politika (Frei Politik)

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ANTOLOGIE
GASTAUTOR
Die Gedichte von Simsek gingen sehr unter die Haut!

In einem Zazakischen Gedicht hat Hüseyin die Donau Mutter genannt. Ich kann mich nicht erinnern die Donau jemals als Mutter genannt gehört zu haben....[mehr]

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