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Meine Einsamkeit nicht allein
HÜSEYİN ŞİMŞEK

Ich kenne mich manchmal nicht. Oder ich kann so sagen: Ich habe eine zweite Persönlichkeit und sie ist wie ein anderer Mensch. Für mich ist sie manchmal fast ein fremdes Wesen. Ich bin eigentlich kein sich anpassender Mensch. Ganz und gar nicht! Jahrelang lebte ich einsam. Aber ich wollte meine Einsamkeit nicht aufgeben. Ich wollte sie nicht aufgeben, aber ich bin mit ihr auch nicht zufrieden. Was bedeutet das? Nein, ich bin kein Narr! Verrücktheit! Wieder nein, sie ist auch etwas anderes. Vielleicht bin ich ein bisschen eigenartig. Oder ich bin ein Mensch von einer anderen Welt. Diese Welt ist nicht für mich. Sie ist ganz unverständlich und ganz kompliziert.

Diese Welt ist wie ein seltsamer Garten. Eine volle Terrasse, auf der es keinen freien Platz gibt. Ich kann in dieser Welt keineswegs leben. Deshalb dachte ich so: Ich war zu spät auf die Welt gekommen. Diese Welt war für mich unglaublich modern und technisch. Mit den Roboten war die Erde nicht warm, die Natur nicht sehr schön und der Wald nicht ganz ruhig. Hände und Augen von Menschen waren nicht ruhig.

Seit Jahren frage ich viele Leute: Wie findet ihr diese Welt? Jeder sagt mir was anderes! Ich weiß nicht, ob ich mich auf Zukunft freuen soll oder nicht. Ich weiß nur eines: Ich kann nicht mit dieser Welt  zufrieden sein. Manchmal staune ich über die Menschen! Wie gut spielen sie das Lebensspiel! Ich kann nicht so spielen. Warum? Das Leben vergeht, aber ich kann nicht das Lebensspiel lernen.

Ich habe mit einer Freundin ein Lied übersetzt. Dieses Lied geht so:

wenn man glücklich ist auf dieser Welt
kommen die Nächte und lehnen sich an unsere Tür
mit unseren Sorgen haben wir uns umarmt
mit unseren Träumen gewartet
Schaf an Schaf
wenn man glücklich ist auf dieser Welt
kommen die Nächte und klingeln an unsere Tür

Ich kann nicht das Lebensspiel lernen, aber ich möchte gerne in einem anderen Spiel teilnehmen. Welches Spiel? Natürlich wisst ihr schon und zwar klarer als ich: Kinder lernen durch Versuch, dass das Feuer verbrennt. Aber manche Kinder spielen weiterhin mit dem Feuer, obwohl sie wissen, dass sie sich dabei die Hände verbrennen. Wir sind die Kinder einer Welt, wo der Preis für die Wahrheit Abgewürgt werden ist. Die Welt braucht Menschen, die dieses mit dem Feuer Spielen weiter betreiben.

Und ihr könnt natürlich weiter fragen: Warum muss man so sein? Weil ich diese Welt –das heißt auch diese kapitalistische Gesellschaft- wirklich herzlos finde. Das ist eine allgemeine Meinung für die oppositionellen Menschen, für jeden Dissidenten und jede Dissidentin. Nazim Hikmet war unser weltberühmter Dichter. Er schrieb in einem Gedicht so:

Leben wie ein Baum
einzeln und frei
und brüderlich
wie ein Wald
das ist
unsere Sehnsucht.

Meine Generation hat ihre große Utopie schon verloren. Ob mit der alten Utopie oder mit einer neuen, ist es mir egal, aber ich will eine neue Welt. Diese Welt ist nicht für mich.

Februer 2006 / Zeitschrift Öneri

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ANTOLOGIE
GASTAUTOR
Die Gedichte von Simsek gingen sehr unter die Haut!

In einem Zazakischen Gedicht hat Hüseyin die Donau Mutter genannt. Ich kann mich nicht erinnern die Donau jemals als Mutter genannt gehört zu haben....[mehr]

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