TÜRKÇE / DEUTSCH
Hr. Strache, das war meine zweite Sprachlosigkeit
HÜSEYİN ŞİMŞEK

’’Deutsch statt ’Nix versteh’n.’’ Das war ein Wahlthema von HC Strache. Alle Ausländer, die hier leben wollen, sollen natürlich Deutsch lernen. Aber für HC Strache ist das nicht genug. Er glaubt so: Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion! Und er meint, in jeder Gesellschaft gibt es eine „Leitkultur“. In Österreich lebende Ausländer müssen nicht nur Deutsch lernen, sondern die Leitkultur von dieser Gesellschaft anerkennen. Er will nötigenfalls auch mit Druck auf die in Österreich lebenden Ausländer deren ’Integration’ verbessern. Wer diese Leitkultur ablehnt, für den ist in diesem Land kein Platz.

Diese Debatte ist für mich wie ein schlechter und zu oft wiederholter Film. Die Debatte über eine Leitkultur oder Leitnation wird in der Türkei schon länger (ca. 75 Jahren) geführt. Darum habe ich vor sieben Jahren mein Land –die Türkei- verlassen müssen.

Mein Ziel war es immer als Journalist und Autor tätig zu sein. In Istanbul hatte ich zwölf Jahre lang (von 1986 bis 1998) als Journalist gearbeitet. Außerdem hatte ich in dieser Zeit sechs Bücher geschrieben und herausgegeben: Drei Romane, zwei Tatsachenberichte und ein Gedichtband. Dann war ich in Österreich ein Asylant und Heimatloser. Plötzlich war ich hier sprachlos! Man spricht hier eine ganz andere Sprache. Das ist für mich eine sehr schlechte Situation. Manchmal verliere ich mich. Und manchmal fühle ich mich als ein ganz unglücklicher Mensch der Völkerwanderung. Weil das Schreiben war  für mich gleichbedeutend mit dem Leben. Ohne Schreiben war ich, wie eine falsch eingestellte Uhr.

Eigentlich war das schon meine zweite Sprachlosigkeit. Wie das? Seit meiner Aufnahme in das öffentliche Schulwesen, dem Beginn meiner Pflichtschulzeit, war ich sieben Jahre gezwungen, meine Muttersprache –heißt Kırmanci/Zazaki- beiseite zu legen. Wie man schon weiß, alle  Kinder sollen und wollen ihre Muttersprache. Aber leider, in meiner ganzen Schullaufbahn – von der Volksschule bis zur Uni-  war meine Muttersprache verboten. Ich fing ging in die Schule wie ein sprachloser Mensch.

Als ich in dieses Land kam, war ich wieder sprachlos und das war meine zweite Sprachlosigkeit. Früher dachte ich so: Ich werde vielleicht als ein Heimatloser sterben! "Jetzt habe ich schon eine neue oder zweite Heimat“, sage ich. Und ich will nie wieder sprachlos werden. Nie! Heute schreibe ich in Österreich auch weiter. Das erste Buch, ein Gedichtband, kam im 2001 heraus. Darin befindet sich die Sammlung aller in Österreich in den letzten drei Jahren verfassten Gedichte. Das neueste Buch ist ein Roman. Es kam 2005 heraus.

In letzten sieben Jahren schreibe ich in, in türkischer Sprache,  in Wien und alle meine Bücher wurden nur in der Türkei herausgegeben. Natürlich ist das für mich ein Paradox und es gefällt mir nicht. Aber ich habe eine Lösung; ich schreibe auf Deutsch, langsam aber doch. 

Ex-FP Chef F. Peter hatte für Strache so gesagt: "Er war ein Freiheitlicher aus bestem Schrott und Korn.“ Das ist sein Paradox und er hat keine Lösung.

November 2005 / Zeitschrift Öneri

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Die Gedichte von Simsek gingen sehr unter die Haut!

In einem Zazakischen Gedicht hat Hüseyin die Donau Mutter genannt. Ich kann mich nicht erinnern die Donau jemals als Mutter genannt gehört zu haben....[mehr]

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