TÜRKÇE / DEUTSCH

Buchbesprechung: “heim.at“, Anthologie türkischer Migration
... wird das Leben in der Fremde thematisiert, in “Bir gülün soluduğu anla o gülün soluduğu ana / Der Moment, in dem mich die Rose atmete und verwelkte“ (Hüseyin Şimşek) geht es um die Situation des Individuums in der Gesellschaft, auch um Unterdrückung und Krieg....

GÜNTER VALLASTER

Die türkische Kultur ist ein fester Bestandteil Österreichs. Die Anthologie “heim.at“ ist der beste Beleg dafür und das künstlerisch gestaltete Länderkennzeichen von Peter Wibmer und Gero Weinmann weist schon auf der ersten Seite sehr anschaulich darauf hin: “TR“ für “Türkei“ ist in “Austria“ enthalten. Ein hervorragendes Motto für den Band, der ein wichtiger Beitrag für die Integration ist, für die, so Bundespräsident Heinz Fischer im Vorwort, noch viel zu tun ist, da “Integration auf mehreren Ebenen gelingen muss, um dauerhaft Bestand zu haben“ (S. 5). Eine essentielle Ansatzfläche dafür ist die interkulturelle Kommunikation. Daher hat Gerald Kurdoğlu Nitsche in seinem engagierten EYE Literaturverlag, der sich programmatisch den “Wenigerheiten“ widmet, gemeinsam mit Yeliz Dağdevir 38 in Österreich lebende türkische Autorinnen und Autoren mit ihren lyrischen und einigen bildnerischen Werken zur vorliegenden Anthologie türkischer Migration eingeladen, um damit, wie Yeliz Dağdevir von der Initiative Minderheiten Tirol in ihrer Einleitung schreibt, “viele Brücken“ zu schlagen (S. 10). Auch die sprachliche und kulturelle Vielfalt innerhalb der Türkei wird wiedergegeben, indem Gedichte außer auf Türkisch auch auf Kurdisch, Armenisch, Aramäisch und in Romanes und mit deutscher Übersetzung abgedruckt wurden.

Die Beiträgerinnen und Beiträger gehören allen Altersschichten an, von Jahrgang 1937 (Kundeyt Şurdum) bis 1989 (Seda Yıldız), neben arrivierten Schriftstellern wie Kundeyt Şurdum oder Hüseyin Şimşek finden sich Autorinnen und Autoren mit noch wenig Publikationserfahrung, die in unterschiedlichen Berufen tätig sind. “Dass auch Künstler, Literaten, Musiker gekommen sind, ist hier kaum bekannt, denn sie arbeiten auf dem Bau, in der Küche ..., wer vermutet da schon eine Dichterin, einen Dichter“, schreibt Gerald Kurdoğlu Nitsche in seinem Vorwort (S. 11) und er weist darauf hin, dass das Verfassen von Gedichten in der Türkei fast ein “Volkssport“ ist – was durch die vertretenen Autorinnen und Autoren sehr gut zum Ausdruck kommt. Zudem zeigt der Band sehr schön: Die Literatur ist für alle da.

Der Anthologie ist in drei Abschnitte gegliedert: In “Içimdeki söylenmemiş sözlerim / Stumme Worte in meiner Seele“ (Meral Kaya) finden sich Liebesgedichte, in “Wird es schwer sein, in der Heimat meines Sohnes zu sterben“ (Kundeyt Şurdum) wird das Leben in der Fremde thematisiert, in “Bir gülün soluduğu anla o gülün soluduğu ana / Der Moment, in dem mich die Rose atmete und verwelkte“ (Hüseyin Şimşek) geht es um die Situation des Individuums in der Gesellschaft, auch um Unterdrückung und Krieg. Die gemeinsame und leitmotivisch wirkende Hintergrundkulisse der drei Teile bilden die Bewegung, das Warten, Kommen und Gehen, die Fremde und die Sehnsucht.

In einigen Gedichten des ersten Teils wird die Lyrik als Anredeform der Liebe genutzt beziehungsweise das Gedicht mit der Liebe identifiziert: “Henüz tamamlanmamiş / Bir şiirsin – Ein nicht beendetes / Gedicht bist du“ lautet ein Vers in “Gidiyorum / Ich gehe“ von Nurettin Hanci (S. 44). Exemplarisch dafür ist auch der Zyklus „kül ses / Aschenstimme“ von Haydar Zeki, in dem zunächst das Gedicht selbst thematisiert wird und das lyrische Ich sich dann in Fußnoten ausspricht. Eine Stelle daraus lautet: “ein Buch von mir mit Gedichten blieb zurück, ich lief, Asche blieb / in meinem Herzen zurück“ (S. 37). Sehr pointiert bringen die aramäischen und deutschen Gedichte von Selin Prakash Özer den Vergleich zwischen Orient und Okzident zum Ausdruck, so in “nord / süd“ (S. 40): “wenn ich dich umarme / nordische kälte / wirst du nicht wärmer / ich aber / friere“.
 
Der zweite Teil steht im Zeichen der Sehnsucht nach einem Zuhause, die oft in einem Stadt-Land-Gegensatz abgehandelt wird. Daraus spricht eine Einsamkeit in den urbanen Ballungsräumen, poetisch sehr stark beispielsweise von Şerafettin Yıldız umgesetzt in “Bir emekçinin kutsal evi / Das Heiligtum eines Gastarbeiters“ (S. 73): “Die Tünche ist abgeblättert von der Decke / Zwei unterbrochene Linien erinnern mich / immer an eine Kurve, die in unser Dorf führt.“ Manchmal mündet die Isolation in ein Bekenntnis zum Leben auf dem Land und in Naturverbundenheit, so in “Köylüym / Ich bin ein Dörfler“ von Numan Alsan, S. 68: “Ein Dörfler bin ich, verbunden mit der Erde / Mein Inneres gleicht meinem Äußeren / ...“ oder in “Alın sizin olsun / Ihr könnt sie behalten“ von Ömer Yıldız (S. 63): “So sehr vermiss ich mein Dorf / All die Dachterrassen sollen euch gehören / Kaltes Wasser genügt mir / Das Bier soll euch gehören“ (S. 63). Aber es gibt auch “Genugtuung in der Fremde“, Kundeyt Şurdum auf S. 70: “Aufregend ist das reiten / auf unbekannten ebenen / stolpern auf den fremden steinen / sich freuen nach einem gelungenen sprung / in meiner deutschen sprache“.

Im dritten Teil werden aus der Schwierigkeit, oft auch Zerrissenheit des Lebens zwischen den Sprachen und Kulturen lyrische Antworten formuliert“Die Sprache ist / Eine Wunde mir. // Heilt sie / Verstumme ich“, schreibt Ecevit Ari-Uzunkaya (S. 94). Turgay Ayoğlus antwortet in “Arayış / Suche“ mit einem Wunsch, einer Einladung: “durch jede Selbstbezeichnung / färbte sich meine Welt ins Nichts / komm, bezeichne mich in meiner Vielfalt“ (S. 89). Kundeyt Şurdums Antwort ist eine Frage ohne Fragezeichen: “Wieso steht im Koran, dass / Gott verschiedene Völker geschaffen hat / Damit sie in Eintracht leben // Würde es also mehr Kriege geben / Wenn die Menschheit nur / aus einem Volk bestünde“ (S. 134).

Wie der legendäre Band “Österreichische Literatur – und kein Wort Deutsch“ vermittelt „heim.at“ nicht nur eine spannende Auswahl eines Teils nicht-deutschsprachiger österreichischer Literatur, sondern ist auch graphisch sehr ansprechend gestaltet. Es bleibt nur noch zu wünschen, dass das Beispiel der Insel Burgaz im Marmarameer, auf der 22 Ethnien und 6 Konfessionen friedlich koexistieren und die Gerald Kurdoğlu Nitsche daher zum Untertitel “Burgaz Projekt / Burgaz Projesi“ inspirierte (vgl. Vorwort, S. 17), mit Hilfe der Anthologie in jedes Heim unter der Länder-Domain .at ausstrahlen möge.

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31. März 2007 / www.uibk.ac.at

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Die Gedichte von Simsek gingen sehr unter die Haut!

In einem Zazakischen Gedicht hat Hüseyin die Donau Mutter genannt. Ich kann mich nicht erinnern die Donau jemals als Mutter genannt gehört zu haben....[mehr]

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